Mercedes-Benz

Geschichte(n) mit Stern

25. Oktober 2019 (Teil 1/2)

Die 130-jährige Geschichte des Erfinders des Automobils erzählt spannende Geschichten. Wir haben uns auf die Spur berühmter Autos von Mercedes-Benz begeben.

„Bei Daimler wird nichts weggeworfen!“ Was dieses geflügelte Wort in der Praxis bedeutet, zeigen die Archive und Sammlung von Mercedes-Benz Classic. Über 1.100 Fahrzeuge umfasst die Sammlung, in den Archiven befinden sich unfassbare 16,5 Regalkilometer Dokumente, 4,5 Millionen Fotos, 10.000 Filme und über 100 Terabyte Daten. Alles zusammen dokumentiert die Historie der Marke mit Stern. Hinter all den Objekten, Schriftstücken und Medien stecken vor allem authentische Geschichten, die Mercedes-Benz Classic rund um die Idee vom „besten Auto der Welt“ erzählt.

Mannheim.

Zwei Erfinder mit einem Ziel.

Der 29. Januar 1886 gilt als Geburtsstunde des Automobils. Carl Benz aus Mannheim erhält in Berlin das Patent DRP Nr. 37 435 für sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“. „Unsere Mona Lisa“, so nennt das Archivteam Carl Benz’ Original-Patentschrift von 1886, die die Erfindung des Automobils markiert. Seit 2011 zählt sie wie die Gutenberg-Bibel, der Stummfilmklassiker „Metropolis“, Goethes literarischer Nachlass oder Beethovens Neunte Sinfonie zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Neben der Patentschrift von 1886 befinden sich im Archiv auch Konstruktionszeichnungen sowie zeitgenössische Prospekte, Preislisten und Sonderausstattungslisten der Benz Patent-Motorwagen und die erste Fahrerlaubnis von 1888. Das Fahrzeug, dessen Einzylindermotor aus 954 Kubikzentimetern eine Leistung von 0,55 kW schöpfte, war seinerzeit eine Sensation und versetzte mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 16 km/h die Menschen in Angst und Schrecken. Von Benz’ erstem Patent-Motorwagen sind keine Originalfahrzeuge erhalten. Bei den Exponaten des Dreirades in Museum und Ausstellungen oder auf Fahrevents handelt es sich um originalgetreue Repliken.

Zu den spannenden Geschichten der Marke Mercedes-Benz zählt auch, dass parallel zu Carl Benz Gottlieb Daimler die Entwicklung des Automobils betrieb. Die beiden Gründerväter der Daimler AG arbeiten Ende des 19. Jahrhunderts an der identischen Fragestellung: der Erfindung eines Fahrzeugs, mit dem man unabhängig beispielsweise von Pferdekraft unterwegs sein kann. Sie tüfteln, ohne vom anderen zu wissen. Vermutlich haben sie sich persönlich auch nie kennengelernt. Zwischen ihren Wirkungsstätten liegt eine Wegdistanz von rund 120 Kilometern – Ende des 19. Jahrhunderts mindestens eine Tagesreise. Sie erreichen aber fast zur selben Zeit das Ziel. Denn kurze Zeit nach Benz’ Patent-Motorwagen rollt mit Daimlers „Motorkutsche“ auch der erste vierrädrige Kraftwagen. Bereits am 3. April 1885 hatte Daimler einen Viertakt-Einzylindermotor zum Patent angemeldet – ein Meilenstein der Technikgeschichte, denn das Aggregat war klein und leistungsfähig und erfüllte damit die Voraussetzungen für die mobile Anwendung. Für die „Motorkutsche“ baute der Mobilitätspionier schließlich 1886 seinen Verbrennungsmotor in ein Kutschgestell ein. Daimler verfolgt die Vision der umfassenden Motorisierung diverser Fahrzeuge. Schon früh demonstriert er die universellen Einsatzmöglichkeiten des Motors, beispielsweise 1887 in einem Boot und 1888 im Luftschiff von Friedrich Hermann Wölfert. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft – diese drei Dimensionen bilden sich in den drei Zacken des Mercedes Sterns ab.

Nizza.

Ein Mädchen namens Mercédès.

Mercédès Jellinek (1889–1929) ist Namenspatin der Marke. Dieses Bild aus den Archiven von Mercedes-Benz Classic zeigt sie am Steuer eines Mercedes Grand-Prix-Rennwagens aus dem Jahr 1906.

Ein Mädchen ist die Namenspatin eines Autos – und daraus entsteht eine Automarke, die auf der ganzen Welt bekannt ist. Wenn das kein modernes Märchen ist! Mercédès Jellinek heißt das Mädchen. Sie ist die Tochter des Geschäftsmanns und Automobilenthusiasten Emil Jellinek aus Wien, der mit seinen Ideen die Entwicklung des Automobils entscheidend beeinflusst.

Im Frühjahr 1901 ändert sich die Geschichte der Mobilität grundlegend. Bei der Rennwoche von Nizza geht ein Auto an den Start, wie es die Welt noch nicht gesehen hat: Der Mercedes 35 PS ist ein Hochleistungsautomobil, das die Daimler-Motoren-Gesellschaft auf Anregung von Emil Jellinek entwickelt hat. Die genauen Wünsche sind in den Kommissionsbüchern von 1900 nachzulesen, die in den Mercedes-Benz Classic Archiven aufbewahrt werden. In diesem Moment beginnt die Geschichte der Marke Mercedes. „Mercedes“ wird von 1901 an als Marke der DMG weltberühmt und 1902 als geschützte Marke registriert.

Dank der Recherchen in den Archiven von Mercedes-Benz Classic kennt man heute viele Details aus dem Leben der jungen Frau – auch, dass sie nie ein Auto besessen hat, obwohl ein Foto sie am Steuer eines Rennwagens zeigt, der ihren Namen erhielt. Die Fotografien und Dokumente gewähren einen umfassenden Blick auf das Leben einer jungen Frau der Wiener Oberschicht von der Epoche der Österreichisch-Ungarischen Monarchie über den Ersten Weltkrieg bis in die 1920er-Jahre. Dass Mercédès kastanienbraune Haare und grüne Augen hatte, verrät beispielsweise ihr Reisepass aus dem Jahr 1927. Bilder zeigen sie an Bord der Familienyacht „Mercedes“, beim Reiten und beim Lesen. Selbst die Geburtsurkunde von Mercédès Jellinek gehört zum Bestand der Archive von Mercedes-Benz Classic.

Stuttgart, Mercedes-Benz Museum.

Rekordler mit Stern.

In einer spektakulären Installation feiert das Mercedes-Benz Museum im Mythosraum 7 „Silberpfeile – Rennen und Rekorde“ die schnellsten Autos mit Stern. Angeführt wird die in einer Steilkurve unter der Decke schwebende Parade der Rekordler von einem echten Riesen. Der „Typ 80“ sollte 1939 den absoluten Geschwindigkeitsrekord für Landfahrzeuge aufstellen: 650 km/h.

An zweiter Stelle in der musealen Steilkurve liegt der W 125 Zwölfzylinder-Rekordwagen, mit dem Rudolf Caracciola am 28. Januar 1938 den weltweit gültigen Geschwindigkeitsrekord auf einer öffentlichen Straße aufstellte: Auf der Autobahn zwischen Frankfurt am Main und Darmstadt erreichte er 432,7 km/h über einen Kilometer mit fliegendem Start. Knapp 80 Jahre hatte dieser Rekord Bestand. Erst 2017 wurde die Geschwindigkeit des windschnittigen, 765 PS starken Wagens getoppt.

Rang 3 belegt ein C 111 III, mit dem Mercedes-Benz Ende der 1970er-Jahre das behäbige Image des Dieselmotors verkaufsfördernd sportlich aufpolierte. Die Karosserie ist bis ins kleinste Detail aerodynamisch ausgefeilt, der 3-Liter-Turbo-Dieselmotor hingegen weitgehend serienmäßig. Gleich neun neue Weltrekorde für Dieselfahrzeuge stellt der wie ein Uhrwerk laufende Stuttgarter Selbstzünder am 30. April 1978 auf dem Hochgeschwindigkeitsoval im italienischen Nardò auf, darunter die Distanz von 500 Kilometern mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 321,86 km/h und einen Schnitt von 314,463 km/h in zwölf Stunden. Insgesamt sieben Rekordwagen von Mercedes-Benz sind im Museum ausgestellt.

Nürburgring.

Der Mythos der Silberpfeile.

Manfred von Brauchitsch geht im silbernen 750-kg-Formel-Rennwagen W 25 an den Start und gewinnt das Rennen.

Am 3. Juni 1934 startet das Internationale Eifelrennen auf dem Nürburgring. An diesem Tag nimmt der Mythos der Silberpfeile seinen Anfang. Der Rennwagen der Baureihe W 25 wurde als Monoposto mit Kompressormotor nach der damals geltenden 750-kg-Formel gebaut: Ohne Kraftstoff, Kühlmittel, Öl und Reifen darf das Leergewicht der Boliden nicht mehr als 750 Kilogramm betragen. Hier beginnt die Legende, denn beim Debütrennen auf dem Nürburgring sind die in der damals für deutsche Rennwagen obligatorischen Farbe Weiß lackierten Autos plötzlich ein paar Kilo zu schwer. Es soll Rennleiter Alfred Neubauer gewesen sein, der die zündende Idee hat: Er lässt in der Nacht vor dem Rennen von den Mechanikern die weiße Farbe bis aufs blanke Aluminium der Karosserie abschleifen. So wird das Gewichtslimit erreicht. Erfolgreich ist der unter der internen Bezeichnung W 25 entwickelte Rennwagen jedenfalls auf Anhieb. Manfred von Brauchitsch gewinnt das Eifelrennen und damit gleich das erste Kräftemessen, bei dem der W 25 startet. Bis 1936 bleibt der W 25 ein Seriensieger, wird akribisch perfektioniert und an die jeweiligen Rennstrecken angepasst. Die Leistung des Reihenachtzylinders mit Kompressor variiert je nach verwendetem Kraftstoff und Einsatzzweck zwischen 314 und 494 PS. Der Farbe Silber bleibt die Mercedes-Benz Rennabteilung auch bei den folgenden Fahrzeuggenerationen treu. Allerdings natürlich nicht mit blankem Aluminium. In den Archiven von Mercedes-Benz Classic, in denen Musterplatten mit allen jemals verwendeten Farben gehütet werden, wurde nach akribischer Suche auch die Originalfarbkarte der historischen Silberpfeile entdeckt.

Sindelfingen.

Der schönste Mercedes.

Lebensart: Ein Werbemotiv mit Dame von Mercedes-Benz aus dem Jahr 1936 zeigt einen Typ 540 K Roadster unter einem Zeppelin. Das Luftschiff wird ebenfalls von einem Motor aus dem Hause Daimler-Benz angetrieben.

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Bei diesem Auto wohl kaum: Der
Mercedes 540 K verbindet Eleganz und Exklusivität, Luxus und Leistung in einzigartiger Weise und gilt unter Kennern als einer der schönsten, wenn nicht gar der schönste Mercedes überhaupt. Besonders die Roadster und Spezialroadster werden als Objekte vollkommener Schönheit gesehen und verkörpern den automobilen Hochadel par excellence.

Fließende Linien und gerundete Formelemente bestimmen in den 1930er-Jahrendie Gestaltung bei Mercedes. Ein absolutes Highlight dieser Entwicklung bilden der Typ 500 K von 1934 und sein 1936 eingeführter äußerlich weitgehend identischer Nachfolger 540 K. Beide Modelle werden in einer Vielzahl von Karosserievarianten angeboten. Die elegante Linienführung und gediegene Ausführung der Karosserie setzt sich in der Gestaltung des Innenraums konsequent fort. Dadurch entsteht der Eindruck perfekter Harmonie, den hochwertige und exzellent verarbeitete Materialien unterstreichen. Damals ist es vielfach noch üblich, ein Fahrgestell von einer unabhängigen Karosseriebaufirma individuell mit einer maßgeschneiderten Karosserie anfertigen zu lassen. Doch beim 540 K setzt sich die hauseigene „Sindelfinger Karosserie“ von Mercedes-Benz als das Maß der Dinge durch.

Der Stromlinie folgen.

Eine ganz besondere Geschichte erzählt der Mercedes-Benz 540 K Stromlinienwagen, der im Werk Sindelfingen als Einzelstück gebaut worden war. Seine Karosserie mit fließenden Linien, niedriger Silhouette, minimierten Störquellen an der Oberfläche und verkleidetem Unterboden zeichnete sich durch eine bestmögliche Aerodynamik aus und nimmt die Entwicklung des modernen Autodesigns mit optimiertem cW-Wert vorweg. Ab Mitte 1938 setzte die deutsche Niederlassung des Reifenherstellers Dunlop das Fahrzeug ein, um Reifen für schnelle und leistungsstarke Fahrzeuge zu erproben.

Der rekonstruierte und restaurierte Mercedes-Benz 540 K Stromlinienwagen (W 29) bei der Windkanalmessung im Jahr 2014.

Der in der Mercedes-Benz Sammlung befindliche Chassisrahmen gab den Anstoß, dieses konsequent nach damaligen Erkenntnissen der Aerodynamik konstruierte Fahrzeug originalgetreu zu restaurieren und zu rekonstruieren. Eine wichtige Basis waren die in den Archiven dokumentierten Fotos, Offertzeichnungen und – als größter Schatz – die historische Flächenbeschreibung der Karosserie-Außenhaut. Bei der Spurensuche gaben Aluminiumreste Hinweise auf die Karosserie, Farbspuren auf den silbernen Lack, Bohrungen auf die Befestigung der Unterbodenvollverkleidung und Abnutzungsspuren auf den Erprobungsalltag bei Dunlop.
 Umfangreiche Recherchen in den Archiven führten zu wichtigen Erkenntnissen: Die aufgefundenen Nummern am Rahmen bestätigen nach dem Abgleich mit dem Kommissionsbucheintrag die Originalität. Weitere Dokumente ergaben Hinweise auf die Lackfarbe Silberbronze, auf die in Grau gehaltene Innenausstattung sowie die Verwendung von Nussbaumholz. Damit waren die Voraussetzungen geschaffen für die Spezialisten in den Werkstätten des Classic Centers, ihr Können auszuspielen. Rund zweieinhalb Jahre benötigten sie, um das Fahrzeug mit zeitgenössischen Handwerkstechniken, Methoden und Materialien wiederherzustellen.

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